Orte
Backstube gegen Einsamkeit
Das Café Kuchentratsch an der Theresienhöhe 30 sieht von außen erst einmal unscheinbar aus, relativ versteckt zwischen mehrstöckigen Büro- und Schulgebäuden. Doch sobald man die Tür öffnet und eintritt begrüßt einen das einladende, rosa, vintage-Ambiente samt herrlichem Konditorei-Duft.
Die allzeit gut bestückte Kuchentheke strotzt nur so vor klassischen und ausgefallenen Kreationen und in der verglasten Backstube nebenan kann man den fleißigen Bäcker:innen bei ihrer Arbeit über die Schulter schauen.
Das, was das Kuchentratsch jedoch besonders hervorhebt gegenüber anderen kuscheligen Cafés ist die Tatsache, dass die herrlichen Kuchen und Torten von Münchner Omas und Opas gezaubert und serviert werden.
Das Café Kuchentratsch bietet mehr als nur leckeren Kuchen. Es ist ein Ort der Begegnung und schafft Möglichkeiten zum gegenseitigen Kennenlernen. Es hilft Vorurteile abzubauen und geistig sowie körperlich aktiv zu bleiben. Wer Vielfalt in München unterstützen möchte, für den lohnt sich also ein Besuch im Kuchentratsch, allein schon geschmacklich.
Jung oder Alt Sein - Auch ein Teil von Vielfalt V
Wenn wir an Diversität denken, drehen sich unsere Gedanken häufig um mit Nationalität verknüpfte Dimensionen. Vielleicht meinen wir aber auch geschlechtliche Diversität, oder sogar sexuelle Vielfalt. Seltener kommt einem das „Alter“ in den Sinn, dabei betrifft es jeden Menschen.
Gerade weil Alter als Diversitätsdimension oftmals unterschätzt wird hat mich das Konzept des Café Kuchentratsch überzeugt und dazu bewegt es hier vorzustellen.
Denn das Älterwerden ist mit ganz eigenen Hürden gespickt. Eine davon kann soziale Vereinsamung sein, aber auch das Gefühl nach dem Eintritt in den Ruhestand nicht mehr gebraucht zu werden. Das Café Kuchentratsch bietet hier die Möglichkeit den vielfältigen Herausforderungen dieses Lebensabschnittes gestärkt entgegenzutreten.
Austausch, Ablenkung und Apfelkuchen V
Bäckerin Brigitte schildert mir ihre Erfahrungen aus der Arbeit im Kuchentratsch. Sie ist 72 Jahre alt und schon seit 2019 dabei. Privat hat sie mit der fortschreitenden Demenzerkrankung ihres Mannes zu kämpfen, den sie fünf Jahre lang selbst pflegte. Dass das emotional belastet steht außer Frage. Die Arbeit im Kuchentratsch, zweimal die Woche, dient ihr auch dazu sich mit anderen auszutauschen. Ob jung oder alt, ob über die privaten Sorgen oder ganz andere Dinge. Die Abwechslung ist das, was die Arbeit hier besonders macht und der Kontakt, insbesondere zu jüngeren Menschen, das was Brigitte daran schätzt.
Auch Antonia beschreibt mir, dass sie diese Möglichkeit zum Austausch beim Kuchentratsch sehr wertvoll findet. Der direkte Kontakt zu Menschen außerhalb des eigenen, unmittelbaren sozialen Zirkels ermöglicht es auch hochgekochte Debatten im Kleinen auszudiskutieren. So zum Beispiel das Thema Gendern. Im direkten Kontakt zwischen jung und alt werden diese politisierten Themen oft entradikalisiert.
Zwischen sozialem Projekt und wirtschaftlichen Zwängen V
Der Betrieb einer Backstube und eines Cafés in Kombination mit dem sozialen Ziel des Kuchentratsches, den angestellten Omas und Opas die Möglichkeit zur Selbstverwirklichung zu geben, ist allerdings Tag für Tag eine Herausforderung. Standortleitung Antonia schildert mir das eindrücklich über eine Tasse Pfefferminztee: Das Projekt sei ökonomisch schwer zu skalieren aufgrund der besonderen Bedingungen. Die Mitarbeitenden werden tendenziell nicht effizienter, sondern bedürfen flexibler Anpassungen an ihr Leistungslevel und die Kluft zwischen den Ausgaben für Zutaten und der Zahlungsbereitschaft der Kund:innen werde immer mehr zur Herausforderung.
Auch der Einsatz jüngerer Kolleginnen zur Unterstützung wurde im Team kritisch diskutiert, denn der Charakter des Projektes schien in Gefahr, schließlich sollte es ja ein "Oma-Café" sein. Es ist eben ein komplexer Spagat zwischen dem Commitment zum sozialen Engagement und einer mittel- bis langfristigen Wirtschaftlichkeit, um genau dieses soziale Engagement aufrecht zu erhalten.
Dieser Spagat scheint aber bisher gut zu funktionieren.
Bei meinen Ausflügen jedenfalls war das Café gut besucht, die Sitzplätze stets voll oder reserviert und die Schlange der Laufkund:innen schien nicht abzureißen. Der tägliche Ansturm ist für das geübte Team des Kuchentratsch aber kein Problem. Intergenerationale Arbeitsteilung auch hinter dem Tresen: die Kasse, die Kuchentheke, die Kaffee-Maschine; die Abläufe funktionieren reibungslos und werden stets von einem Lächeln begleitet.
Mehr Infos zu dem Projekt finden Sie auf der Website vom Kuchentratsch.
Text und Bilder
Selina Röckl (Dezember 2025)
Orte
Wer macht die Nacht?

Ein Club ist mehr als Musik und Licht.
Er ist ein Ort, an dem sich eine Stadt fragt, wie viel Freiheit und Vielfalt sie zulässt. Das Lieberscholli beantwortet diese Frage jeden Abend neu: mit einem Raum, in dem Menschen einfach sein können.
mehr
Gespräche
I’m not a professional, but we are changing lives!

Queere Geflüchtete begegnen besonderen Herausforderungen: Nicht nur müssen sie eine neue Sprache lernen, den Asylprozess bewältigen und Arbeit in einem neuen Land finden, sie erleben auch aufgrund ihrer sexuellen Identität oder Orientierung Ausgrenzungen und Diskriminierung. Wie stärken sich queere Geflüchtete gegenseitig? Ein Interview mit einer Peer-to-Peer Beraterin bei LeTRa
mehr
Orte
Queering the City – Eine andere Stadtführung

„Da bin ich schon so oft vorbeigelaufen, aber das ist mir noch nie aufgefallen“
mehr
Begegnung
Skaten й говорити

Ein Tag mit ukrainischen Jugendlichen auf dem Skateboard und die Frage: Müssen wir reden, um uns zu verstehen? Eine Fotodokumentation in München 2023
mehr