Orte
Wer macht die Nacht?
Es ist 23 Uhr. Die Stadt wird langsam leiser, doch im Lieberscholli beginnt der Abend erst. Wenn die ersten Gäste eintreffen, wird spürbar, was der Betreiber meint: Ein Club ist mehr als Musik und Licht. Er ist ein Ort, an dem sich eine Stadt fragt, wie viel Freiheit und Vielfalt sie zulässt. Das Lieberscholli beantwortet diese Frage jeden Abend neu: mit einem Raum, in dem Menschen einfach sein können.
Ort der Freiheit V
In einem Bundesland, das in vielen Bereichen noch immer konservativ geprägt ist, gewinnt die Frage nach freien urbanen Räumen besondere Bedeutung. Für den Betreiber des Lieberscholli ist klar: Menschen brauchen Orte, an denen sie laut sein, kreativ werden und sich ausprobieren können, also Dinge, die im privaten Wohnraum kaum möglich sind. Ein Club ist für ihn kein Randphänomen und keine Subkultur, sondern eine kulturelle Ausdrucksform wie jede andere. „Kultur hat viele Formen. Manche gehen ins Theater, andere hören gerne laute Musik. Theater macht man auch nicht im Wohnzimmer, also braucht auch Clubkultur ihren eigenen Raum.“, sagt er, und genau deshalb müsse es Räume geben, in denen Clubkultur selbstverständlich ihren Platz hat.
"Es gibt keine Regeln - außer Respekt!" V
Das Lieberscholli versteht sich als offener Raum, in den grundsätzlich jeder eintreten kann, unabhängig von Herkunft, Aussehen oder Alter. Clubs können etwas, was andere Räume nicht leisten: Sie erlauben eine Präsenz ohne Erklärung. Man kann tanzen oder ruhig bleiben, reden oder schweigen, sich zeigen oder unsichtbar sein. Niemand wird für Kleidung, Lautstärke oder Ausdruck bewertet.
Diese Freiheit: zugleich geschützt und offen, macht für viele den Kern des Lieberscholli aus. Entscheidend ist jedoch, dass die Atmosphäre im Inneren geschützt bleibt. Ausschlüsse gibt es nur bei eindeutigen No-Gos, vieles wird situativ entschieden, im Gespräch und mit Blick auf die Gesamtstimmung. „Es gibt keine Regeln außer Respekt“, fasst der Betreiber die Haltung zusammen. Diese Offenheit wird durch ein klares Awareness-Konzept ergänzt: Bei Übergriffen oder Unsicherheitsmomenten greift das Team sofort ein. „Lieber einmal zu viel als einmal zu wenig“, heißt es. Sicherheit entsteht hier nicht durch Kontrolle, sondern durch Präsenz, Aufmerksamkeit und Verantwortung. Damit all das funktionieren kann, braucht es ein Team, das Verantwortung trägt. Tür, Bar, Service und Licht: alle wissen, wer in welchen Situationen ansprechbar ist. Für den Betreiber ist das essenziell: Sicherheit entsteht nicht durch Kontrolle, sondern durch Klarheit und Zuständigkeit. „Alle sollen spüren, dass da jemand ist, der kompetent und lösungsorientiert handelt.“ Dadurch wird der Club nicht nur ein Ort des Feierns, sondern ein sozialer Raum.
Ein Raum für Alle V
Das Lieberscholli ist kein Club mit einer festen Identität, sondern ein Ort, der sich ständig wandelt. Hard-Techno-Nächte wechseln sich mit psychedelischen Sets, Drag-Shows, queeren Veranstaltungen, Geburtstagsfeiern oder sonntäglichen Brunchformaten ab. Manche Events starten bereits um sechs Uhr morgens und kommen ganz ohne Alkohol aus. Je nach Veranstaltung ergänzt ein kleiner Kaffeestand vor dem Club das Angebot, genauso selbstverständlich wie Goa-Abende mit Chai-Tee. „Menschen sollen nichts vermissen, egal zu welcher Uhrzeit“, sagt der Betreiber im Interview.
Nachtkultur wird in München zunehmend als gesellschaftlich wertvoll anerkannt. Genehmigungen in Mischgebieten, ein offener Austausch mit Behörden und die Einstufung von Clubkultur als Kulturform zeigen diesen Wandel. Für den Betreiber hat das direkte Auswirkungen: Die Nacht schafft Räume, in denen Begegnung möglich wird, die am Tag selten stattfindet. Doch für ihn bleibt das Wichtigste, was die Nacht für das soziale Zusammenleben leistet. Clubs schaffen Räume, in denen unerwartete Begegnungen möglich werden, jenseits von Alter, Herkunft oder Tagesrhythmus. So beschreibt er Momente, in denen „um sechs morgens Leute zusammenstehen: Einer trinkt Gin Tonic, einer Cappuccino, eine kommt gerade von der LMU - Menschen, die sich sonst nie treffen würden.“
Momente, die bleiben V
Bleibende Momente entstehen für den Betreiber oft im Kleinen: wenn jemand im Vorbeigehen sagt, der Club sei sein Lieblingsort, wenn sich die Schlange vor der Tür bis auf die Straße zieht oder wenn beim Aufräumen noch begeisterte Stimmen nachhallen. Und manchmal wird es auch lustig, etwa, als jemand versuchte, den berühmten Klomann Willy abzuwerben, der nur sagte: „Es gibt nur ein Klo für mich - und das ist unseres."
Der Club wächst weiter: baulich und kulturell. Drei Areas, zwei Floors, ein Open-Air-Bereich und künftig ein Wintergarten sind nur der Rahmen. Entscheidend ist, was darin möglich wird:
Ein sicherer, lebendiger Raum, der Menschen zusammenbringt, die sonst nie zueinander gefunden hätten. Ein Ort, der zeigt, dass die Nacht ein eigener Teil der Stadt ist: nicht nur Zeit, sondern sozialer Raum.
Text
Johanna Göhre (Dezember 2025)
Bilder
mit freundlicher Genehmigung von Lieberscholli
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